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dergrund stehen (I care Pflege, 2015, medizinischer Diagnosestandard im ihre Flüssigkeitsaufnahme bewusst ein,
S. 127). engeren Sinne, bietet aber zentrale um das Risiko eines unkontrollierten
Leitlinien für die pflegerische Einschät- Urinverlustes zu minimieren. Dieses
Folgende Aspekte sind im Rahmen der zung und Begleitung von Patientinnen Vermeidungsverhalten kann jedoch
Anamnese darüber hinaus zu berück- mit Inkontinenz einschließlich der hier ernsthafte gesundheitliche Folgen ha-
sichtigen: thematisierten koitalen Inkontinenz. ben. Eine unzureichende Flüssigkeits-
zufuhr führt nicht selten zu Dehydrati-
• Art, Zeitpunkt und Auslöser des Urin- Zentrale Inhalte mit diagnostischem on, die sich durch Symptome wie
verlusts (z.B. bei Erregung, Penetrati- Bezug sind hier: Durst, Kopfschmerzen, Kreislaufstörun-
on oder Orgasmus) gen, Verwirrtheit und in schweren
• Häufigkeit und Menge des Urinver- • strukturierte Risikoeinschätzung und Fällen sogar durch Nierenfunktions-
lusts standardisierte Dokumentation störungen äußern kann. Ein weiteres
• Vorerkrankungen oder Operationen • Schulung des Pflegepersonals zur gesundheitliches Risiko entsteht durch
im Beckenbereich sensiblen Kommunikation das Tragen von Inkontinenzmaterialien
• Schwangerschaften, Geburtsverläufe • Förderung interdisziplinärer Zusam- wie Binden/Vorlagen, vor allem wenn
und Menopausestatus menarbeit die Möglichkeit fehlt, diese regelmäßig
• Medikamenteneinnahme und neuro- zu wechseln. Der dauerhafte Kontakt
logische Grunderkrankungen Besonders betont wird im Standard die der Haut mit Urin führt häufig zu Rei-
• psychosoziale Belastungen, traumati- Relevanz einer personenzentrierten, zungen im Intimbereich. Diese zeigen
sche Erfahrungen empathischen Gesprächsführung, da sich durch Rötungen, Entzündungen,
nur so ein geschützter Raum entsteht, Brennen und Juckreiz. Dieses Be-
Für die strukturierte Datenerhebung in dem Patientinnen ihre Beschwerden schwerdebild wird als inkontinenz-
bieten sich validierte Instrumente wie offen ansprechen können. Dies gilt ins- assoziierte Dermatitis (IAD) bezeichnet
der International Consultation on besondere bei gesellschaftlich tabui- und stellt eine häufige, schmerzhafte
Incontinence Questionnaire (ICIQ) an, sierten Themen wie Inkontinenz im und pflegeintensive Komplikation dar,
der in deutscher Sprache verfügbar ist sexuellen Kontext. Darüber hinaus die die Lebensqualität zusätzlich be-
(Franziskus Klinik Berlin 2025: Inkonti- fordert der Standard die regelmäßige einträchtigt (Kottner; Blume-Peytavi
nenzfragebogen ICIQ-UI-SF). Zur er- Reevaluation diagnostischer Maßnah- 2017, S. 40-43). Hinzu kommen erhebli-
gänzenden Einschätzung sexueller men und die kontinuierliche Fortbil- che finanzielle Belastungen. Die Kosten
Funktionsstörungen kann auch der dung des Fachpersonals, um Hand- für Inkontinenzmaterialien und Pflege-
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Female Sexual Function Index (FSFI) lungssicherheit und Wissen zu mittel sind hoch und werden von den
eingesetzt werden (NVA 2025: FSFI- gewährleisten und aktuell zu halten. Krankenkassen nur teilweise oder gar
Questionnaire 2000). Darüber hinaus betont der Experten- nicht übernommen. Neben dem priva-
standard den Austausch zwischen den ten Umfeld ist häufig auch das Berufs-
Die klinische Untersuchung sollte inter- Berufsgruppen (Pflege, Gynäkologie, leben betroffen. Die Angst vor Gerü-
disziplinär erfolgen und folgende Maß- Urologie und Psychologie), was eine chen oder plötzlichem Urinverlust
nahmen einschließen (vgl. DGGG Harn- ganzheitliche Betrachtung und die führt zu ständiger innerer Anspan-
inkontinenz, 2023, S. 9 ff.): Entwicklung individueller Therapie- nung. Diese psychische Belastung,
optionen ermöglicht (vgl. Thieme CNE kombiniert mit körperlichen Beschwer-
• Gynäkologische Untersuchung mit Kontinenzförderung o.J., „Implemen- den wie Müdigkeit, Kopfschmerzen
Inspektion des Beckenbodens tierung“). oder Konzentrationsstörungen infolge
• Restharnbestimmung mittels Ultra- unzureichender Flüssigkeitszufuhr,
schall Auswirkungen der Harninkonti- beeinträchtigt die berufliche Leis-
• neurologische Basisuntersuchung nenz auf die Lebensqualität tungsfähigkeit deutlich.
• ggf. urodynamische Messungen zur
Beurteilung von Speicher- und Ent- Individuelle und psychosoziale Betroffene berichten von einem konti-
leerungsmechanismen Belastungen im Alltag nuierlichen Verlust an Selbstvertrauen
und Selbstwertgefühl, was langfristig
Ein häufig vernachlässigter Aspekt ist Viele Betroffene vermeiden aus Scham psychische Erkrankungen wie Angst-
die Sexualanamnese durch Befragung oder der Angst vor unkontrolliertem störungen oder depressive Episoden
der Patientin. Die Möglichkeit zur an- Urinverlust Situationen des öffentli- begünstigen kann. Symptome wie An-
onymisierten Vorab-Erhebung über chen Lebens, in denen sie sich unsicher triebslosigkeit, Verlust von Freude und
Fragebögen kann hier die Hemm- fühlen könnten. Dieses Vermeidungs- Hoffnungslosigkeit treten hierbei ge-
schwelle senken. verhalten führt häufig zu sozialem Rü- häuft auf (Berberich 2022).
ckzug und einer deutlich verringerten
Bedeutung des Expertenstandards Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Stigmatisierung, Tabuisierung und
für die pflegerische Diagnostik Die daraus resultierende Isolation kann gesellschaftliche Unsichtbarkeit
erhebliche psychische Folgen haben
Der Expertenstandard „Förderung der und das Risiko für depressive Verstim- Die gesellschaftliche Wahrnehmung
Harnkontinenz in der Pflege“ des Deut- mungen oder Angststörungen deutlich von koitaler Inkontinenz ist durch Stig-
schen Netzwerks für Qualitätsentwick- erhöhen. matisierung und mangelndes öffentli-
lung in der Pflege (DNQP) ist zwar kein Im Alltag schränken viele Betroffene ches Bewusstsein geprägt. Negative
Das Thema Nr. 99 · 12/2025 7

