Page 5 - MagSi 98
P. 5
rostomanlage auf das weitere Leben Im allgemeinen Umgang mit demen- deprivatation, akute Infekte, Exsikkose
nach der Klinik vorzubereiten. Doch ziell Betroffenen fällt häufig das und weitere Noxen, die schneller zum
welche Herausforderungen birgt der Schlagwort „Validation“. Gemeint ist Tragen kommen können, je vulnera-
Klinikaufenthalt, die Operation an sich hier ein Kommunikationskonzept, das bler ein Patient bei Aufnahme in der
und die darauffolgende Anleitung, bis 1993 von der Amerikanerin Naomi Akutklinik ist. Zu unterscheiden sind
Schulung und Beratung einer solch Feil entwickelt und veröffentlicht wur- das hyperaktive Delir, das mit Halluzi-
vulnerablen Patientengruppe? Haben de und auf der „personenzentrierten nationen, Agiertheit (gesteigerte
wir ausreichend Rüstzeug in der Hand, Kommunikation“ nach Carl Rogers ba- motorische Unruhe), Reizbarkeit
um einem Patienten mit Demenz auch siert. Dieses Kommunikationskonzept und einem veränderten Schlaf-Wach-
nach einer Enterostomaanlage ein wurde seitdem stetig weiterentwickelt Rhythmus besonders schnell durch
würdevolles Leben zu ermöglichen? und dient dazu, Spannungen in belas- pflegerische Beobachtung auffällt.
tenden Situationen durch verbale und Als mögliche Folgen sind hier heraus-
Demenz nonverbale Impulse zu reduzieren forderndes Verhalten (verbal wie auch
(vgl. Feddersen 2019, S.43). Ziel dieses motorisch), eingeschränkte Therapie-
Der Begriff „Demenz“ stammt aus dem Konzepts, das sich primär an ältere bereitschaft sowie Stürze und daraus
Lateinischen und bedeutet „ohne verwirrte Menschen richtet, ist es resultierende Verletzungen zu nennen.
Geist“. Dieser Überbegriff beschreibt nicht, das gesprochene Wort auf sei- Weniger offensichtlich dagegen ist das
einen degenerativen Prozess, bei dem nen Inhalt zu prüfen, sondern vielmehr hypoaktive Delir. Dies äußert sich pri-
es zum Abbau von Hirngewebe die ausgedrückten Emotionen als wahr mär in verminderter Vigilanz, Apathie
kommt, und muss sowohl nach Ätiolo- und gegeben anzuerkennen. Heraus- und schneller Ermüdbarkeit, was wie-
gie als auch Pathogenese differenziert forderndes und unerwünschtes Verhal- derum zu Einschränkungen in der
werden (vgl. Breynkn 2023b S.2). ten wird daher nicht als Provokation Mobilisation, Appetitlosigkeit bis hin
So wird unter anderem unterschieden des Gegenübers verstanden, sondern zu Dysphagie führen kann und damit
zwischen der Alzheimer-Krankheit, de- ist vielmehr Ausdruck nicht erfüllter das Pneumonie-, Thrombose- und
ren Ursache bislang nicht vollständig Bedürfnisse des Betroffenen (vgl. Dekubitusrisiko deutlich erhöht (vgl.
geklärt ist, der vaskulären Demenz, die Engel 2019, S.99-101). Gurlit und Brune 2019, S.183-200).
durch eine Minderdurchblutung des Bisher gilt als noch nicht abschließend
Gehirns verursacht wird, der Demenz Delir geklärt, ob die Demenz als wesentli-
bei primärem Parkinson-Syndrom und cher Risikofaktor für ein delirantes
vielen weiteren (vgl. Roll 2024, S.7). Die Das Delir äußert sich als akuter Ver- Syndrom gesehen werden soll, dass
©FgSKW
Auswirkungen aller Demenzformen wirrtheitszustand und unterscheidet Delir Ausdruck einer bisher klinisch
betreffen die Auffassungsgabe, Orien- sich von einer Demenz durch seine unentdeckten Demenz ist, oder beides
tierung, Motorik, das Urteilsvermögen, rasche Entstehung innerhalb von Stun- Symptome ein und derselben Krank-
die emotionale Kontrolle, die Lernfä- den oder Tagen. 40-60% aller Patien- heit sind (vgl. Thomas und Weller 2019,
higkeit sowie Gedächtnis und Sprache. ten mit bestehenden kognitiven S.132-148).
Deswegen wurde zum 1. Januar 2017 Einschränkungen sind postoperativ
folgendes Begutachtungsinstrument hiervon betroffen, bei einem anschlie- Aufnahme in der Akutklinik
im Geltungsbereich des Sozialgesetz- ßenden Aufenthalt auf der Intensivsta-
buch XI zur Feststellung der Pflegebe- tion sind es sogar 80%. Als Hauptrisi- Zu Beginn des sektorenübergreifen-
dürftigkeit bei kognitiven Einschrän- kofaktoren für ein Delir gelten unter den Pflegeprozess „Rehabilitation des
kungen durch den Medizinischen anderem fremde Umgebung, chirurgi- Stomaträgers“ nach Gruber/Droste
Dienst der Krankenkassen eingeführt: sche Eingriffe, Polypharmazie, Schlaf- (vgl. Gruber und Droste 2010, S.14-18)
steht die präoperative Zusammenar-
beit aller Akteure und auch das pflege-
Nummer kognitive Fähigkeit
rische Gespräch durch den PESKW mit
´1 Erkennen von Personen aus dem Umfeld dem Patienten und dessen An- oder
´2 Örtliche Orientierung Zugehörigen, das nach der ärztlichen
Aufnahme erfolgen soll. Dieses Ge-
´3 Zeitliche Orientierung
spräch sollte in einer störungsfreien
´4 Erinnern an wesentliche Ereignisse oder Beobachtungen Umgebung stattfinden. Der PESKW
´5 Steuern von mehrschichtigen Alltagshandlungen stellt sich namentlich vor und beginnt
mit einer offenen Frage, die sich direkt
´6 Treffen von Entscheidungen im Alltagsleben
an den Patienten richtet (z.B. „Was
´7 Verstehen von Sachverhalten und Informationen führt Sie heute in die Klinik?“) und
´8 Erkennen von Risiken und Gefahren räumt dem Patienten ausreichend Zeit
ein, um zu antworten. Der begleitende
´9 Mitteilen von elementaren Bedürfnissen
An- oder Zugehörige ergänzt im An-
´10 Verstehen von Aufforderungen schluss die Angaben, je nach inhaltli-
´11 Beteiligen an einem Gespräch cher Qualität und Ausprägung des
demenzbedingten Sprachzerfalls bei
Tabelle 1: Eigene Darstellung: Sandra Kröner. In Anlehnung an: Kriterien zur Einschätzung kognitiver Bedarf (vgl. Amadori 2019, S.122).
und kommunikativer Fähigkeiten für den MDK (vgl. Roes et al. 2019 S.90-91). Hier kann bereits im Vorfeld erörtert
Das Thema Nr. 98 · 08/2025 5