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rostomanlage auf das weitere Leben   Im allgemeinen Umgang mit demen-  deprivatation, akute Infekte, Exsikkose
            nach der Klinik vorzubereiten. Doch   ziell Betroffenen fällt häufig das   und weitere Noxen, die schneller zum
            welche Herausforderungen birgt der   Schlagwort „Validation“. Gemeint ist   Tragen kommen können, je vulnera-
            Klinikaufenthalt, die Operation an sich   hier ein Kommunikationskonzept, das   bler ein Patient bei Aufnahme in der
            und die darauffolgende Anleitung,   bis 1993 von der Amerikanerin Naomi   Akutklinik ist. Zu unterscheiden sind
            Schulung und Beratung einer solch   Feil entwickelt und veröffentlicht wur-  das hyperaktive Delir, das mit Halluzi-
            vulnerablen Patientengruppe? Haben   de und auf der „personenzentrierten   nationen, Agiertheit (gesteigerte
            wir ausreichend Rüstzeug in der Hand,   Kommunikation“ nach Carl Rogers ba-  motorische Unruhe), Reizbarkeit
            um einem Patienten mit Demenz auch   siert. Dieses Kommunikationskonzept   und einem veränderten Schlaf-Wach-
            nach einer Enterostomaanlage ein   wurde seitdem stetig weiterentwickelt   Rhythmus besonders schnell durch
            würdevolles Leben zu ermöglichen?   und dient dazu, Spannungen in belas-  pflegerische Beobachtung auffällt.
                                               tenden Situationen durch verbale und   Als mögliche Folgen sind hier heraus-
              Demenz                           nonverbale Impulse zu reduzieren   forderndes Verhalten (verbal wie auch
                                               (vgl. Feddersen 2019, S.43). Ziel dieses   motorisch), eingeschränkte Therapie-
            Der Begriff „Demenz“ stammt aus dem   Konzepts, das sich primär an ältere   bereitschaft sowie Stürze und daraus
            Lateinischen und bedeutet „ohne    verwirrte Menschen richtet, ist es   resultierende Verletzungen zu nennen.
            Geist“. Dieser Überbegriff beschreibt   nicht, das gesprochene Wort auf sei-  Weniger offensichtlich dagegen ist das
            einen degenerativen Prozess, bei dem   nen Inhalt zu prüfen, sondern vielmehr   hypoaktive Delir. Dies äußert sich pri-
            es zum Abbau von Hirngewebe        die ausgedrückten Emotionen als wahr   mär in verminderter Vigilanz, Apathie
            kommt, und muss sowohl nach Ätiolo-  und gegeben anzuerkennen. Heraus-  und schneller Ermüdbarkeit, was wie-
            gie als auch Pathogenese differenziert   forderndes und unerwünschtes Verhal-  derum zu Einschränkungen in der
            werden (vgl. Breynkn 2023b S.2).    ten wird daher nicht als Provokation   Mobilisation, Appetitlosigkeit bis hin
            So wird unter anderem unterschieden   des Gegenübers verstanden, sondern   zu Dysphagie führen kann und damit
            zwischen der Alzheimer-Krankheit, de-  ist vielmehr Ausdruck nicht erfüllter   das Pneumonie-, Thrombose- und
            ren Ursache bislang nicht vollständig   Bedürfnisse des Betroffenen (vgl.   Dekubitusrisiko deutlich erhöht (vgl.
            geklärt ist, der vaskulären Demenz, die   Engel 2019, S.99-101).      Gurlit und Brune 2019, S.183-200).
            durch eine Minderdurchblutung des                                     Bisher gilt als noch nicht abschließend
            Gehirns verursacht wird, der Demenz     Delir                         geklärt, ob die Demenz als wesentli-
            bei primärem Parkinson-Syndrom und                                    cher Risikofaktor für ein delirantes
            vielen weiteren (vgl. Roll 2024, S.7). Die   Das Delir äußert sich als akuter Ver-  Syndrom gesehen werden soll, dass
                                     ©FgSKW
            Auswirkungen aller Demenzformen    wirrtheitszustand und unterscheidet   Delir Ausdruck einer bisher klinisch
            betreffen die Auffassungsgabe, Orien-  sich von einer Demenz durch seine   unentdeckten Demenz ist, oder beides
            tierung, Motorik, das Urteilsvermögen,   rasche Entstehung innerhalb von Stun-  Symptome ein und derselben Krank-
            die emotionale Kontrolle, die Lernfä-  den oder Tagen. 40-60% aller Patien-  heit sind (vgl. Thomas und Weller 2019,
            higkeit sowie Gedächtnis und Sprache.   ten mit bestehenden kognitiven   S.132-148).
            Deswegen wurde zum 1. Januar 2017   Einschränkungen sind postoperativ
            folgendes Begutachtungsinstrument   hiervon betroffen, bei einem anschlie-    Aufnahme in der Akutklinik
            im Geltungsbereich des Sozialgesetz-  ßenden Aufenthalt auf der Intensivsta-
            buch XI zur Feststellung der Pflegebe-  tion sind es sogar 80%. Als Hauptrisi-  Zu Beginn des sektorenübergreifen-
            dürftigkeit bei kognitiven Einschrän-  kofaktoren für ein Delir gelten unter   den Pflegeprozess „Rehabilitation des
            kungen durch den Medizinischen     anderem fremde Umgebung, chirurgi-  Stomaträgers“ nach Gruber/Droste
            Dienst der Krankenkassen eingeführt:  sche Eingriffe, Polypharmazie, Schlaf-  (vgl. Gruber und Droste 2010, S.14-18)
                                                                                  steht die präoperative Zusammenar-
                                                                                  beit aller Akteure und auch das pflege-
             Nummer       kognitive Fähigkeit
                                                                                  rische Gespräch durch den PESKW mit
             ´1           Erkennen von Personen aus dem Umfeld                    dem Patienten und dessen An- oder
             ´2           Örtliche Orientierung                                   Zugehörigen, das nach der ärztlichen
                                                                                  Aufnahme erfolgen soll. Dieses Ge-
             ´3           Zeitliche Orientierung
                                                                                  spräch sollte in einer störungsfreien
             ´4           Erinnern an wesentliche Ereignisse oder Beobachtungen   Umgebung stattfinden. Der PESKW
             ´5           Steuern von mehrschichtigen Alltagshandlungen           stellt sich namentlich vor und beginnt
                                                                                  mit einer offenen Frage, die sich direkt
             ´6           Treffen von Entscheidungen im Alltagsleben
                                                                                  an den Patienten richtet (z.B. „Was
             ´7           Verstehen von Sachverhalten und Informationen           führt Sie heute in die Klinik?“) und
             ´8           Erkennen von Risiken und Gefahren                       räumt dem Patienten ausreichend Zeit
                                                                                  ein, um zu antworten. Der begleitende
             ´9           Mitteilen von elementaren Bedürfnissen
                                                                                  An- oder Zugehörige ergänzt im An-
             ´10          Verstehen von Aufforderungen                            schluss die Angaben, je nach inhaltli-
             ´11          Beteiligen an einem Gespräch                            cher Qualität und Ausprägung des
                                                                                  demenzbedingten Sprachzerfalls bei
            Tabelle 1: Eigene Darstellung: Sandra Kröner. In Anlehnung an: Kriterien zur Einschätzung kognitiver   Bedarf (vgl. Amadori 2019, S.122).
            und kommunikativer Fähigkeiten für den MDK (vgl. Roes et al. 2019 S.90-91).   Hier kann bereits im Vorfeld erörtert

            Das Thema                                                                              Nr. 98 · 08/2025  5
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